Louise Erdrichs "Solange du lebst" auf LiteraturLese.de
ausgezeichnet, Literatur, USA

Louise Erdrich. Solange du lebst (2009)

Pluto ist eine kleine Stadt in North Dakota, am Rande des Chippewa-Reservats und weit von aller modernen „Zivilisation“. Die Menschen, die hier leben, bewohnen ihren eigenen Kosmos, sie sind alle miteinander verwoben in diesem Universum aus Lebensgeschichten, durch Verwandtschaft, Freundschaft oder auch durch Schuld.

Der Roman beginnt mit einer verstörenden Szene: Ein Mann putzt sein Gewehr und erschießt dann scheinbar ein Kleinkind. Was kann man von einem Roman erwarten, der diesen Einstieg bietet? Die Erwartungen des Lesers werden gleich mal manipuliert … Und tatsächlich wird uns dann ein Geschichtenkosmos geboten, der immer wieder an die Cowboy-und-Indianer-Erzählungen und -Filme erinnert, die wir alle als Kinder so toll fanden. Der Roman idealisiert die Indianer vielleicht nicht ganz so, aber er spielt in ihrer Welt, die scheinbar sehr von der Welt der „Weißen“ und der Moderne entrückt ist.

Vier Perspektiven

Louise Erdrich lässt vier Protagonisten berichten: Evelina, Richter Coutts, Marn Wolde und zum Abschluss und zur letzten Aufklärung Cordelia Lochren. Die pensionierte Ärztin Cordelia fügt als Dorfchronistin am Ende die letzten losen Fäden der vielen Geschichten zusammen. Die anderen Figuren erzählen nicht nur ihre jeweils eigene Geschichte, sondern sie geben auch noch viele Geschichten wieder, die ihnen andere erzählen, die sie gehört haben oder von ihren Vorfahren kennen …

Die Lynchjustiz

Viele der Geschichten hängen mit einem düsteren Ereignis zusammen, nach der Ermordung einer Familie (erste Szene?) wurden einige Indianer als Schuldige ausgesucht und gelyncht – aber natürlich ist das eine viel zu nüchterne Zusammenfassung. Im Roman schwelgen die Figuren in Geschichten, erzählen sie detailreich, mit Witz oder mit Pathos, mit unerwarteten Wendungen oder indem sie die eigene unrühmliche Rolle ändern oder weglassen. Teilweise reichen die Geschichten weit in die Vergangenheit, berichten von gescheiterten Lieben oder vergeblichen Versuchen, eine bessere Zukunft aufzubauen.

Gegenwart

Nur die junge Evelina scheint einen Bezug zur Gegenwart zu haben, sie geht aufs College – doch Alltag oder Normalität sind keine Themen im Roman, dafür die Visionen nach einem LSD-Trip und die folgenden Panik-Attacken, für die Erdrich fantastische Bilder findet und wovon sie einfühlsam erzählen kann. Womit aber auch Evelina bereits zur Stadt der Gescheiterten (und der Alten) gehört, Teil dieser begrenzten Welt ist.

Dem Realismus entrückt

Dieser Roman lebt von den vielen Geschichten, die sich verweben und überschneiden, die man als Leser auch teilweise selbst einsortieren muss, wenn man so etwas wie einen Überblick behalten will. Dabei wird fabuliert, was das Zeug hält, Themen, Erzählweisen, Rollen wechseln immer wieder. Als Leser taucht man ein in eine fremde Welt voller Dramatik, in einen eigenen Kosmos voller Geschichten, kurioser Details und eigenwilliger Menschen – wenn man sich darauf einlassen und die nüchterne Realität für eine Weile vergessen kann.

Ausgezeichnet

Louise Erdrichs "Solange du lebst" auf LiteraturLese.de

Der Roman gewann 2009 den Anisfield-Wolf Book Award und war Finalist für den Pulitzer-Preis.

Louise Erdrich. Solange du lebst. Frankfurt: Insel Verlag, 2009; Berlin: Aufbau Digital, 2019. | The Plague of Doves. New York: Harper Collins, 2008. Übersetzung Chris Hirte.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar via NetGalleyDE.

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