Deutschland, Krimis

Anne Chaplet. Caruso singt nicht mehr – Paul Bremer 1 (1997)

Mit der ländlichen Idylle ist es auch nicht mehr weit her. Das muss Paul Bremer, Aussteiger aus einer Frankfurter Werbeagentur, in seinem neuen Zuhause, einem Dorf an der Rhön, feststellen. Die Landwirtschaft ist vor allem laut und stinkt. Die Nachbarn sind extrem exzentrisch, aber wenig liebenswert. Vorurteile finden hier einen idealen Nährboden, was von der Norm abweicht, ist gefährlich. An Paul Bremer und seine manische Radfahrerei haben sich seine Mitdörfler immerhin langsam gewöhnt.

Doch die Idylle ist nicht nur nicht idyllisch, sondern scheinbar auch so langweilig, dass vielfältige Verbrechen verübt werden: Scheunen werden abgefackelt, ein Pferdeschlitzer geht um und schließlich passiert auch noch ein Mord. Anne Burau, Besitzerin eines Bio-Hofes im Nachbardorf, findet ihren Mann tot in der Kühlkammer. Paul Bremer möchte der attraktiven Frau helfen und traut sich dann doch nicht so recht. Seine alte Freundin, Staatsanwältin Karen Stark, wird in die Geschichte hineingezogen und der Dorf-Kommissar Gregor Kosinski entpuppt sich als Mensch.

Paul Bremer, der Aussteiger

Im Zentrum des Romans stehen gleichermaßen Paul Bremer und die Verbrechen – die Detektivfigur ist Bremer trotzdem nicht. Doch er ist der Fokus, den größten Teil der Handlung sieht der Leser durch seine Augen. Auf jeden Fall ist der scharfe Blick auf das Landleben und das Leben an sich seiner. Kleine, scharfsinnige Analysen, ungewöhnlich beschrieben.

Mord-Ermittlungen nebensächlich

Der Mord ist in diesem “Krimi” gar nicht mal so wichtig. Die Aufklärung läuft Karen Stark eher zufällig über den Weg, den Pferdeschlitzer überführt ein Pferd und der Brandstifter wird von einem Bauern erwischt. Doch der Mordfall liefert den Anlass, deutsch-deutsche Geschichte aufleben zu lassen, Verrat und Schuld-Gefühle in einem Roman zu verpacken. Als der Roman 1997 zum ersten Mal erschien, waren die Enthüllungen durch die Stasi-Akten noch ein aktuelles Thema, heute wirkt es leicht abgegriffen und fast schon historisch.

Fesselnd und scharfsinnig

Das hört sich jetzt gar nicht so positiv an – und trotzdem ist der Roman sehr gut. Das liegt nicht an einer rasanten Krimihandlung. Gründe sind die intelligente Erzählweise, der genaue und schonungslose Blick auf das Landleben, die kleinen Beobachtungen am Rande, die bisweilen fast poetischen Beschreibungen der Natur und der knappen, treffenden Analyse von Gefühlen. Ein gleichermaßen fesselnder, scharfsinniger und subtiler Einblick in das Landleben und die menschliche Seele.

Anne Chaplet. Caruso singt nicht mehr. Ersterscheinung Kunstmann 1997, weitere Ausgaben Goldmann 2000, List 2008. (Paul Bremer 1)

Mehr zur Autorin und ihren Krimis auf der Autorenseite Anne Chaplet.

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