Deutschland, Krimis

Anne Chaplet. Schneesterben – Paul Bremer 5 (2003)

Das hessische Dörfchen Klein-Roda versinkt im Schnee, das Leben scheint stillzustehen. Doch dann wird im Wald ein Auto gefunden, auf dem Beifahrersitz die halb erfrorene Krista Regler, Besitzerin eines Wochenendhäuschens in Klein-Roda. Und im Schnee eine Leiche, die des berühmten Kriegsberichterstatters Michael Hansen. Und dann gibt es in der Nähe noch einen alten Tunnel, der die dörflichen Gemüter heftig bewegt.

Krista Regler gesteht, Hansen ermordet zu haben. Beim Prozess kann sie die Details allerdings nicht beschreiben – doch das kann ihr Mann, der Kinderarzt Thomas Regler. Nach seinem Geständnis kommt er in Untersuchungshaft, wo die Mitgefangenen ihm das Leben zu der Hölle machen, die er glaubt, schon lange verdient zu haben. Staatsanwältin ist Karen Stark. Aber Liebeskummer und eine akute Arbeitsüberlastung verhindern, dass sie sich rechtszeitig mit dem Fall befassen kann.

Was das Dorf zusammenhält

Der Protagonist des Romans, Paul Bremer, ist keine Detektivfigur, eher ein Beobachter des Geschehens. Nach einigen Jahren im Dorf ist er halbwegs in die Gemeinschaft aufgenommen worden, doch er kann noch mitfühlen, wenn es Neuzugängen anders ergeht. So wie Krista Regler. Die schließlich schuld ist. Auch wenn scheinbar ihr Mann der Mörder war. Hatte der Kinderarzt nicht gerade einen kleinen Jungen sterben lassen? Allergischer Schock bei einer OP – vor allem die jungen, hippen Eltern der Neubausiedlung gaben trotzdem Dr. Regler die Schuld. Und die Alteingesessenen sind immer froh, wenn es niemand von ihnen war. Egal was, das dörfliche Gefüge sollte besser nicht gestört werden, nicht mal durch Erinnerungen.

Unerwünschtes Mahnmal

Viele der unliebsamen Erinnerungen wohnen in einem alten Tunnel, so scheint es. Hier wurden im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter gequält, danach der Zug Hitlers gefunden und seitdem wohl so manches Verbrechen begangen. Wie zum Beispiel Ende der 1970er-Jahre, als zwei 14-Jährige den kleinen Martin quälten und töteten. Als ein neu Zugezogener den Tunnel zur Gedenkstätte machen will, können die Dörfler nur mit den Köpfen schütteln. Wer will an all die Schrecken erinnert werden? Das Zusammenleben im Dorf kann nur funktionieren, wenn man auch mal vergessen und ignorieren kann.

Beobachter statt Ermittler

Ein sehr gutes Buch, eine kluge Analyse dörflichen Lebens, die mich sofort an Unterleuten denken ließ. Hier ist der Schriftsteller Paul Bremer unser Vermittler, unser kritischer Beobachter. Er ist kein Ermittler, sondern erfährt wie alle im Dorf aus der Zeitung oder im Gespräch den neusten Stand der Dinge. Obwohl er mit Kommissar Gregor Kosinski befreundet ist und beide sich offen über den Fall unterhalten, nutzt Bremer dies nicht, um sich einzumischen oder sich zu profilieren. Der Kontakt zu Staatsanwältin Karen Stark ist trotz ihrer alten Freundschaft gerade auch nicht sehr eng. Bremer tröstet seine Nachbarin Krista Regler, ohne sie auszufragen o.ä., er ist kein Hercule Poirot und kein Held, sondern ein netter Nachbar, ein intelligenter Analyst.

Sprachlich ausgefeilt

Sehr gut gefallen hat mir auch der sprachliche Stil der Autorin, eher ruhig, aber sehr abwechslungsreich, manchmal ein wenig ungewöhnlich, aber nie absonderlich. Anne Chaplet lässt den Leser die Atmosphäre, die Umgebung erleben: Wunderbar, mit welchen Wörtern und Sätzen sie zu Anfang die Stille des verschneiten Dorfes fühlbar werden lässt! Wie sie mit wenigen Worten den Figuren einen Charakter gibt, Bremer Zusammenhänge herstellen lässt …

Krimi oder nicht?

Auch wenn dieser Roman einen Krimipreis (2. Platz beim Deutschen Krimipreis 2004) gewonnen hat, weiß ich nicht, ob er als Krimi richtig einsortiert ist. Sicher, es gibt einen Mord bzw. sogar mehrere, aber es gibt keinen echten Ermittler, es gibt keine zügige Dramaturgie, die nur auf die Auflösung des Falles zusteuert, es gibt keine action, keine Verfolgungsjagd, kein Showdown … Wer die klassischen Elemente eines Krimis sucht, wird hier unweigerlich enttäuscht werden. Wer allerdings eine scharfsinnige und sprachlich ausgefeilte Darstellung dörflichen Alltags angesichts einer kriminellen Krise zu schätzen weiß, der findet in Schneesterben niveauvolle Unterhaltung.

Anne Chaplet. Schneesterben. München: Kunstmann, 2003. (Paul Bremer 5)

Mehr zur Autorin und ihren Krimis auf der Autorenseite Anne Chaplet.

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