Krimis, Portugal

Catrin George Ponciano. Leiser Tod in Lissabon (2020)

Eine toughe Ermittlerin im hochsommerlich heißen Lissabon, ein toter Bankier in einer Kirche und sein Zwillingsbruder, der von brutalsten Folterungen berichtet – das sind die Zutaten für Catrin George Poncianos Krimi über Untiefen der portugiesischen Geschichte.

Eliás, ein Bankier um die 70, wird in einer Kirche mit einem Bildhauer-Werkzeug erstochen. Sein Zwillingsbruder Jósua ist Bildhauer – hat aber ein Alibi. Inspetora-chefe Dora Monteiro ist von Jósua fasziniert und so erfährt sie von ihm auch nach und nach von den dramatischen Ereignissen in seiner Vergangenheit. Während der Nelkenrevolution standen die beiden Brüder auf verschiedenen Seiten, Jósua als Verteidiger der Demokratie, als Verfolgter, Gefolterter, während Eliás bei den Faschisten Karriere machte.

Düstere portugiesische Geschichtslektion

Dora sieht hier das Motiv für den Mord an Eliás und hört sich diverse Berichte an, bis sie zu der Erkenntnis kommt, dass der damalige Cheffolterer auch heute noch erfolgreich Strippen zieht, irgendwo ganz oben in der Politik. Oder vielleicht doch nicht ganz so weit weg von Dora? Wie sie zu ihren Überzeugungen kommt, ist dabei für die Leserin nicht immer problemlos nachvollziehbar, dafür gibt es viel düstere Geschichte – und jede Menge ausgiebige und genaueste Wegbeschreibungen. Lissabon-Kenner werden sich darüber freuen, andere Leser:innen müssen etwas Geduld aufbringen.

Betroffenheit schlägt Logik

Dem Krimi merkt man an, dass Autorin Catrin George Ponciano von der Geschichte Jósuas zutiefst betroffen ist, dieser Teil der Story ist intensiv und dramatisch. Wo es allerdings um den Mord geht, um die Ermittlungsarbeit, da lässt uns die Autorin oft allein: Doras Schlüsse werden nicht wirklich nachvollziehbar dargestellt, bei so mancher plötzlichen Schlussfolgerung fragt man sich als erfahrene Krimi-Leser:in, woher sie das denn jetzt schon wieder weiß. Alles Intuition oder werden uns ein paar Fakten vorenthalten?

Enttäuschte Erwartungen

Vermutlich waren meine Erwartungen schuld an den Problemen, die ich mit diesem Krimi hatte. Eine so düstere Story in einem „Sehnsuchtsorte-Krimi“ von emons, darauf war ich nicht gefasst. Und dass ich von einem Krimi immer eine nachvollziehbare Logik erwarte, ist vielleicht auch eine persönliche Marotte von mir, die ich nicht dem Roman anlasten will. (Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass ich damit ganz alleine dastehe.) Oder der Krimi hat mich einfach zu einem falschen Zeitpunkt erwischt, an dem ich etwas Helleres und Klareres gebraucht hätte? Deshalb mein Fazit: Betroffenheit ja, Krimivergnügen eher nein.

Interessantes zur Entstehungsgeschichte des Krimis findet sich auch im „Werkstattbericht“ auf Buchszene.de.

Catrin George Ponciano. Leiser Tod in Lissabon. Köln: emons, 2020.

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