Deutschland, Krimis

Greta Henning. Halligmord – Minke van Hoorn 1 (2020)

Gerade erst hat Polizistin Minke van Hoorn ihren Einstand gefeiert, da wird sie auf die Hallig Nekpen gerufen: Der Postbote hat ein Skelett entdeckt, das auf der Halligwiese begraben war.

Minke van Hoorn war eigentlich Meeresbiologin, doch nach dem Tod ihres Vaters vor vier Jahren hat sie umgesattelt, um seinen Polizeiposten in Jüstering an der Nordseeküste zu übernehmen. Dazu ist sie jetzt erst einmal wieder bei ihrer Mutter eingezogen, die auf der Nachbarhallig Midsand wohnt. Als Minke zu ihrem ersten Fall gerufen wird, kämpft sie noch ein wenig mit den Nachwirkungen ihres Einstands am vergangenen Abend – bei dem sie auch David kennengelernt hat, der von Nekpen stammt. (Warum sie ihn bisher noch nicht kannte, obwohl beide auf benachbarten Halligen aufgewachsen sind, wird allerdings nicht thematisiert.)

Ermordet statt ertrunken

Auch Minkes Bruder Eibo, genannt Bo, wird als Rechtsmediziner zu dem Skelett gerufen. Er stellt schnell fest, dass es sich nicht um einen alten Wikinger handeln kann, dazu ist das Skelett zu gut erhalten und hat vor allem erstaunlich gut Zähne. Bei dem Toten handelt es sich um den Arzt Henning Johannsen, der vor 33 Jahren nach einem Schiffsunfall vermisst und schließlich für tot erklärt wurde. Am Abend des Unfalls hatten er und seine Frau Esther zu einem kleinen Abendessen eingeladen, bevor er noch einmal zu einem Patienten gerufen wurde. Auch dass es Mord war und kein Schiffsunfall ist gleich klar.

Mordmotiv? Fehlanzeige

Die damaligen Gäste, Esthers Schwester Ruth mit ihrem Mann Geert und ein Kollege von Henning, sagen alle aus, dass es ein netter Abend war, aber es nichts Besonderes gab. Und Henning war ein toller Ehemann, ein toller Arzt, kein Stäubchen auf seiner blütenweißen Weste, kein Mordmotiv weit und breit. Nur Tochter Linda fällt das Ehepaar Straub ein, das ihren Vater wegen eines Behandlungsfehlers verklagt hatte. Allerdings kann das Ehepaar auch nach 33 Jahren noch mit einem Alibi aufwarten.

Und eine Entführung

Während Minke versucht, ihren eigenen Erwartungen gerecht zu werden und den Fall ebenso gut zu lösen wie ihr Vater das gekonnt hätte, wird David scheinbar entführt. Er ist Leiter der Jüsteringer Seehundstation und verschwindet morgens auf dem Weg zur Arbeit. Kurz darauf erhält sein Vater, der ehemalige Deichgraf Jasper Holt auf Nekpen, ein Erpresserschreiben: Minke solle aufhören in dem alten Fall herumzustochern, sonst passiere David etwas. Doch das stachelt sie natürlich erst recht an, jetzt muss sie einen Mörder und einen Entführer suchen …

Gute Ansätze

Insgesamt wirkt dieser Krimi noch ein bisschen unausgegoren. Er hat zwar wirklich gute Ansätze, die Figuren und besonders Protagonistin Minke kommen sehr lebendig rüber, das Lokalkolorit ist sehr gut getroffen und auch der Fall ist nicht schlecht. Was mich störte, waren die vielen kleinen Unstimmigkeiten: Tochter Linda ist erst bei den Schwiegereltern an der Ostsee, dann ist das auf Sylt – wobei noch nicht klar ist, wie sie ihren Felix schon als 15-Jährige immer heimlich sehen konnte, wenn er so weit weg aufgewachsen ist. Manche Hinweise werden einfach weggelassen, die zaubert Minke am Ende aus dem Hut, etwas, was Krimileser gar nicht schätzen. Die große Aufklärungsszene, bei der Minke allen Verdächtigen und/oder Beteiligten erläutert, wie sie den Fall aufgeklärt hat und wie der Mord abgelaufen ist, ist natürlich Geschmackssache – für meinen Geschmack aber ein wenig zu altmodisch.

Trotzdem: eine naturverbundene Kommissarin, die an und auf der Nordsee ermittelt, das hat was. Deshalb werde ich den zweiten Teil sicher auch lesen, trotz der kleinen Defizite. Vielleicht lernt die Autorin, die sich hinter dem Pseudonym Greta Henning versteckt, mit der Schreiberfahrung ja dazu.

Greta Henning. Halligmord. Berlin: Ullstein, 2020. (Minke van Hoorn 1)

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