Deutschland, Literarisch

Jan Costin Wagner. Sommer bei Nacht (2020)

Ein „literarischer Kriminalroman“ – das verleitete mich, mal wieder zu einem mir unbekannten Krimiautor zu greifen. Und ich verbrachte die Lektüre damit, nach diesem „Literarischen“ zu suchen …

An einem strahlenden Sommertag verschwindet der fünfjährige Jannis vom Flohmarkt des Kindergartens in Wiesbaden. Der Leser weiß bereits: Er ist mit Marko mitgegangen, der deshalb extra zwei große Teddybären gekauft hatte. Mutter Lea und Schwester Sarah wissen nichts, alarmieren die Polizei. Die Kommissare Ben Neven und Christian Sander bekommen den Fall übertragen, natürlich unterstützt durch ein Team. Einzige Spur des verschwundenen Jungen ist ein unscharfes Foto von der Überwachungskamera eines nahen Parkhauses und die Beobachtung eines anderen Jungen, dass ein Mann mit zwei großen Teddybären kam, und der Mann selber aussah wie ein Teddybär.

Ein zweiter Fall

Mark Lederer, der im Team den Großteil der Puzzlearbeit leistet, entdeckt einen ähnlichen Fall: Vor einigen Monaten verschwand der siebenjährige Dawitt in Innsbruck. Er tauchte nie wieder auf, die Polizei ermittelte im familiären Umfeld, konnte den Fall aber nicht klären. Auch hier spielte ein großer Teddybär eine Rolle. Ben und Christian fahren nach Innsbruck, klüger werden sie dort nicht. Sie können nur hoffen, dass Hinweise von möglichen Zeugen sie auf irgendeine Spur bringen.

Hinweise

Ein solcher Hinweis kommt, auch wenn er zunächst nicht so vielversprechend aussieht. Der Durchbruch erfolgt dann allerdings durch eine höchst unerwartete Wendung – eher schlicht, aber auch so unwahrscheinlich … Aber ohne unwahrscheinliche Zufälle würde wohl kein Roman, erst recht keine Krimi Spannung entwickeln. Hier allerdings sorgt der Zufall weniger für Spannung.

Sprünge

Autor Wagner erzählt seinen Krimi in einem ziemlich abgehackten Stil, überwiegend kurze bis kürzeste Sätze, Sprünge, kurze Abschnitte aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven, die Gedanken der Protagonisten dürfen schweifen – oder eher hüpfen, denn sie alle scheinen ernsthafte Probleme mit der Realität zu haben. Wie zwei so verkorkste, traumatisierte Menschen, die zur Lösung des Falles so gut wie nichts beitragen, sich als Kommissare halten können … aber es ist ja Fiktion. Die vermittelt allerdings den Eindruck, als ob so ziemlich jede Figur in diesem Krimi mit dem gleichen massiven Knacks durchs fiktive Leben rennt.

Holpernde Poesie

Zwischendurch treffe ich auf Szenen, die echt erscheinen, gut geschrieben sind – Landmanns Verlust -, doch dieser Erzählstrang hat für den Krimi keinerlei Bedeutung. Was macht er also hier? Legt er nur eine Grundlage für den nächsten Band der potenziellen Serie?

Zwischendurch stolpere ich über Sätze wie: „Der Zug fährt zügig voran, durchstößt die Sekunden, lässt die Minuten zur Seite wegsacken, beiläufig, wie lästige Kieserlsteine.“ (S. 128) Das könnte beinahe poetisch sein, wenn die Bilder irgendwie passen würden. Oder die Beschreibung einer Waldlichtung durch die Figur eines „Bösewichts“ – Poesie trifft Verbrechen.

Stückweise

Das Abgehackte und Zerstückelte, die kaputten, aus der Realität gefallenen Helden sind wohl das, was Wagners Krimi ausmacht. Vermutlich kann man alles wunderbar literarisch interpretieren – doch wenn man einfach nur einen guten Krimi sucht, wird man sich mit Sommer bei Nacht eher schwertun. Der Stil ist nicht sehr flüssig zu lesen und der Fall im Grunde höchst simpel konstruiert. Den Macken scheint die Psychologie zu fehlen und die Durchlässigkeit zwischen Gut und Böse bleibt zu vage, als dass sie den Krimi wirklich interessant machen könnte. Mir fehlte bei all dem die Tiefe. Mein Fall war dieser Krimi nicht.

Jan Costin Wagner. Sommer bei Nacht. Köln: Kiepenheuer & Witsch/Berlin: Galiani, 2020.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar via NetGalleyDE!

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