England, Krimis

Jan Lucas. Cyrus Doyle und der dunkle Tod – 4 (2019)

Während eines Victor-Hugo-Kongresses auf Guernsey wird ein Darsteller des Autors erschossen – doch galt der Anschlag wirklich ihm? Die anwesenden Professoren scheinen nämlich nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet Dispute auszutragen. Ein Professor verschwindet auch noch, außerdem gibt es eine Spur zum Ex-Mann von Doyles Kollegin Pat und eine in die weit zurückreichende Vergangenheit …

Der französische Autor Victor Hugo lebte einige Jahre im Exil auf der Kanalinsel Guernsey, woran heute immer noch sein Haus, Hauteville House, erinnert. Und auch die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs ist eine historische Tatsache, auf der dieser Guernsey-Krimi aufbaut – womit bereits das Beste an diesem Krimi vorweg genannt ist: Guernsey als aktueller Schauplatz und seine Geschichte als Hintergrund.

Victor Hugo ermordet

Im Vordergrund ermittelt Chief Inspector Cyrus Doyle mit seinem Team, allen voran mit seiner ehemals ersten großen Liebe Pat Holbourn. Diese lädt Doyle zu einer Kinomatinee ein, bei der im Rahmen des aktuellen Victor-Hugo-Kongresses eine alte Holywood-Verfilmung von Hugos Roman Die Arbeiter des Meeres gezeigt wird. Das wissenschaftliche Publikum ist arg irritiert von der Interpretation des Romans, allerdings wird es noch schlimmer als das Licht wieder angeht: Es stellt sich heraus, dass Victor Hugo erschossen wurde. Na ja, nur das Victor-Hugo-Double Terry Seabourne, aber im dunklen Kino hat niemand den Schuss bemerkt. Der Leiter des Kongresses (und von Hauteville House), Professor Simon Duvier, ist natürlich entsetzt, aber Doyle und Pat sind ja bereits vor Ort und nehmen sofort die Ermittlungen auf.

Spuren

Im dunklen Kino hat niemand etwas bemerkt, Spuren sind dort nicht zu finden, obwohl alle Anwesenden ausführlich befragt werden. Es stellt sich nur die Frage, ob Seabourne wirklich das Opfer sein sollte, denn zu Anfang der Vorstellung hatte der deutsche Professor Nehring auf diesem Platz gesessen … allerdings findet sich bei ihm kein Motiv, außer vielleicht dem heftig ausgetragenen wissenschaftlichen Disput mit Duvier. Seabourne dagegen war ein Trinker, der dann gerne gewalttätig gegen seine Frau wurde – vielleicht war es ihr jetzt zu viel geworden? Pat geht noch einer anderen Spur nach: Sie hat im Kino kurz einen alten Bekannten gesehen, Ex-Freund, Ex-Polizist und jetzt Privatdetektiv Max Cooper. Sie glaubt nicht an einen Zufall, geht der Spur aber erst einmal alleine nach. Am nächsten Morgen wird die Tatwaffe in einer Baustelle von Pats Ex-Mann Randy Holbourne gefunden, ebenfalls bekannt wegen gewaltätiger Übergriffe auf seine Frauen – liegt hier eine vielversprechende Spur?

Unterdessen …

Während Doyle und Pat gemeinsam ermitteln, zeigt sich, dass das kollegiale Verhältnis wackelig ist, beide wollen scheinbar wieder mehr vom anderen, trauen sich aber nicht oder trauen dem anderen nicht. Kleine Momente von Einverständnis und Annäherung wechseln mit Irritation – aber irgendwie kommt das nicht besonders glaubwürdig rüber. Wie leider so viele gute Ansätze in diesem Krimi dann doch nicht zünden können, häufig weil sie dann nicht richtig ausgearbeitet werden oder hölzern oder oberflächlich erzählt werden … Guernsey entfaltet seine Faszination als Ort des Geschehens, aber auch das Potenzial, das die Geschichte der Insel bietet, kann der Krimi nicht richtig ausschöpfen. Vieles wird angerissen, aber leider nicht zu seinem Optimum entfaltet. So bleibt der Krimi wohl ausschließlich für Guernsey-Fans interessant. Sehr schade.

Jan Lucas. Cyrus Doyle und der dunkle Tod. Berlin: Aufbau Verlag, 2019. (Cyrus Doyle 4)

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