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Voosen/Danielsson. Schneewittchensarg – Nyström/Forss 7 (2019)

Ein Eklat beendet vorzeitig die Vernissage zur Retrospektive auf „250 Jahre Gustavssons“ im Schwedischen Glasmuseum: Im gläsernen Sarg liegen keine Knochen aus Glas, sondern menschliche. Mehr noch: Der Vorstandsvorsitzende von Gustanvssons, Gunnar Gustavsson, ist überzeugt, dass es sich um die sterblichen Überreste seiner Frau Berit handelt – samt ihrem Hochzeitskleid, in dem sie vor beinahe 50 Jahren am Abend der Hochzeitsfeier verschwunden ist.

In hochsommerlicher Hitze machen sich Ingrid Nyström, Stina Forss und der Rest des Teams an die Arbeit. Gleich zwei Fälle gilt es zu klären: Was ist damals mit der Braut geschehen? Und wer hat den gläsernen Sarg manipuliert? Es scheint naheliegend, dass beide Ansätze zu ein und demselben Menschen führen. Allerdings ist zunächst weder für einen Mord damals noch für die Zurschaustellung heute ein Motiv in Sicht.

Im Glasreich

Die Braut, Berit Thurstan, war nicht nur schön, intelligent und künstlerisch begabt, sondern auch die Erbin der Glasbläserei der Familie. Die Traumfrau schlechthin, nicht nur für Gunnar Gustavsson, dessen Familie ebenfalls im Glasgeschäft war. Für ihn ging ein Traum in Erfüllung, als Berit und er ein Paar wurden und im August 1971 die Hochzeit gefeiert wurde. Gegen Ende der Feier war eine Brautentführung geplant, ein Brauch, den der Österreicher Herbert aufgebracht hatte, mit dem Berit eng befreundet war. Herbert sollte Berit auf eine nahe Insel entführen, von wo der Bräutigam sie abholen sollte. Ein heftiger Sturm erschwerte die Ruderpartie – Gunnar konnte seine Braut nicht finden, auch in den folgenden Wochen tauchte sie nicht wieder auf. Auch Herbert blieb verschwunden.

Die verschwundene Braut

Die Ermittlungsakten zu diesem alten Fall geben nicht viel her, die Polizei gewann den Eindruck, dass niemand die abgängige Braut wirklich finden wollte. Doch warum? Bei den Ermittlungen von Nyströms Team stellt sich heraus, dass Berit zwar schön und intelligent, aber keineswegs ein Engel war. Die letzten beiden Jahre vor ihrer Hochzeit hatte sie in Stockholm Kunst studiert und einen höchst dubiosen Nebenjob gehabt, von dem daheim niemand wissen durfte. Lag dort ein Mordmotiv? Oder wollte Berit selber aussteigen und untertauchen? Welche Rolle spielte Herbert? Und welche die Geschäfte, die nach Berits Verschwinden einen anderen Verlauf nahmen, als geplant …

Das Team

Wie gewohnt ermittelt jeder in Nyströms Team gemäß seinen Stärken, auch wenn es Chefin Ingrid Nyström schwerfällt, mit Stina Forss zusammenzuarbeiten. Nyström ist überzeugt, dass Stina Forss das eigentliche Ziel war, als einige Monate zuvor ihre Schwiedertochter Healey erschossen wurde. Nyström leidet vor allem darunter, dass ihre Tochter Anna sich nicht von ihr trösten lassen wollte, sondern mit ihrem kleinen Sohn ihrem Vater nach Tansania gefolgt ist.

Reibereien zwischen Nyström und Forss, Lasse Knutsson ist auf Diät und missgelaunt, Hugo Delgado ist ungern Single und Anette Hultin versucht, den leidenschaftlichen Ausrutscher mit Delgado zu vergessen. Auf seine Weise trägt jeder zu den Ermittlungen bei, Knutsson trifft sich mit Berits Bruder in einer Supermarkt-Cafeteria, Delgado fischt Informationen aus den Tiefen des Internets und Anette Hultin entdeckt, dass etwa zur Zeit von Berits Verschwinden ein Serienmörder in der Gegend aktiv war. Gibt es hier einen Zusammenhang?

Spitzenklasse

Auch mit diesem siebten Band hat das Autorenduo Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson einen Krimi der Spitzenklasse vorgelegt. Der Fall ist hervorragend ausgetüftelt, die Ermittlungsfortschritte sowohl logisch wie fantasievoll und die Auflösung am Ende überraschend … Nebenbei gibt es viele Einblicke in Eigenarten und Charakter der Personen, das ist überall stimmig und fördert die Spannung, die Voosen/Danielsson problemlos über 500 Seiten aufrechthalten. Ganz nebenbei lernt man noch ein bisschen über schwedisches Glas.

Stina Forss und die Verschwörungstheorien

Die Sonderrolle, die Stina Forss im Team hat, äußert sich überwiegend durch ihr unberechenbares Verhalten, noch will sie niemanden in ihre Probleme einweihen. Doch sie weiß, dass der Schuss auf Healey eigentlich ihr gegolten hat – nur weshalb? Im Laufe der Ermittlungen machen ihre Nachbarn eine Entdeckung, die Forss einen Schritt weiterbringt, sie ahnt, durch welche ungeheure Tat ihr Vater sein Leben und auch das seiner Familie belastet hat. Doch es scheint so, als solle sich Stina Forss nicht lange mit diesem Wissen belasten müssen …

Wieder einmal ist des die Geschichte Stinas, die den Cliffhanger liefert zum nächsten Band. Eine Geschichte, in die die Autoren aktuelle schwedische Geschichte einbeziehen, eine Geschichte, die Verschwörungstheorien forciert – aber das ist alles so gut gemacht und so überaus spannend erzählt, dass man als Leser jede Seite genießt und am Ende schon ungeduldig auf die Fortsetzung wartet.

Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson. Schneewittchensarg. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019. (Ingrid Nyström/Stina Forss 7)

Mehr über das Autorenduo Voosen/Danielsson auf der Autorenseite Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson.

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