Krimis, Norwegen

Jørn Lier Horst. Wisting und der fensterlose Raum – William Wisting 8 (2020)

William Wisting, erfahrener Osloer Kriminalkommissar, wird zum Generalstaatsanwalt gerufen und erhält dort einen höchst geheimen Auftrag. Bei dem gerade verstorbenen Politiker Bernhard Clausen wurde in einem verschlossenen Raum eine große Menge Bargeld gefunden. Wisting soll herausfinden, was es mit diesem Geld auf sich hat, bevor die Presse beginnt zu spekulieren und der Ruf des ehemaligen Ministers und seiner Partei Schaden nimmt.

Einen Ermittlungsauftrag des Generalstaatsanwaltes kann man nicht ablehnen, auch wenn Wisting wegen der politischen Dimension nicht ganz wohl ist. Aber mit der Zusage weitgehender Unterstützung von ganz oben, macht er sich an die Arbeit. Das Team darf er selber zusammenstellen und so fällt seine Wahl zunächst auf den erfahrenen Kriminaltechniker Espen Mortensen, mit dem er die Hütte Clausens untersucht, in der das Geld entdeckt wurde.

Bargeld in Millionenhöhe

Tatsächlich finden die beiden in einem verschlossenen Raum – scheinbar das ehemalige Jugendzimmer des Sohnes -, mehrere Millionen in Euro, Pfund und Dollar. Ansonsten scheint in der Hütte nichts Besonderes, sodass die Sicherung des Geldes das Wichtigste zu sein scheint, und Wisting und Mortensen transportieren die zahlreichen Kartons in Wistings Keller. Die genauere Untersuchung der Hütte verschieben sie auf den nächsten Tag – allerdings erhalten sie dazu keine Gelegenheit mehr, denn in der Nacht geht die Hütte in Flammen auf. Brandstiftung, das scheint klar. Doch wer kann ein Interesse daran haben, mögliche Beweise zu vernichten?

Die Familie

Für die Hintergrundrecherchen nimmt Wisting seine erwachsene Tochter Line, eine Journalistin, ins Team auf. Während sich Mortensen jeden Geldkarton vornimmt und so immerhin Teile eines Funkgerätes und DNA-Spuren findet, spricht Line mit Bekannten von Clausen. Dass er einen natürlichen Tod gestorben ist, steht außer Frage. Seine Frau ist bereits vor Jahren an Krebs gestorben, ein Jahr später starb der Sohn bei einem Motorradunfall. Vater und Sohn kamen nicht besonders gut miteinander aus. Hatte der Sohn krumme Geschäfte gemacht und der Vater die Beute in Sicherheit gebracht??

Die Partei

Obwohl Clausen Abgeordneter der Sozialdemokraten war und für sie diverse Ministerposten bekleidete, gab es in der letzten Zeit auch hier Differenzen. Kann es sein, dass Clausen das Geld bei irgendeinem Geschäft abgezweigt hat? Bestechung im Spiel war? Aber warum dann das Geld in bar in der eigenen Hütte herumliegen lassen? Wisting und sein Team haben viele Fragen, aber zunächst so gut wie keine Spuren, denen sie nachgehen könnten. Bis sie herausfinden, dass die Summe des Geldes dem Betrag entspricht, der bei einem spektakulären Raubüberfall auf ein Flugzeug am Flughafen erbeutet wurde. Doch wie kam die Beute dann in Clausens Hütte?

Ein Vermisster

Ein alter anonymer Hinweis forderte die Polizei auf zu untersuchen, was Clausen mit dem Verschwinden von Simon Meier zu tun hatte. Der junge Mann ist seit dem Tag des Raubüberfalls verschwunden, die Polizei vermutete, dass er nach seinem Angelausflug ertrunken sei. Aufgeklärt wurde damals weder der Raubüberfall noch die Vermisstensache. Wisting und sein Team nehmen sich die beiden Fälle noch einmal vor, sie sind sicher, dass die beiden alten Fälle zusammenhängen und auch die Erklärung für das Geld in Clausens Hütte liefern werden.

Die Ermittlung

An den Ermittlungen und allen Überlegungen Wistings lässt Autor Horst den Leser detailliert teilhaben. An jedem Morgen bespricht sich das Team, wird der aktuelle Stand rekapituliert – und auf diese Weise auch sichergestellt, dass der Leser nicht den Faden verliert in dem facettenreichen Fall. Das ist sehr gut gemacht, nicht zu aufdringlich, aber wichtig, da der Autor hier ganz klar seinen Fokus hat: die Ermittlung als Puzzle. Als ehemaliger Kriminalkommissar kennt sich Autor Horst natürlich bestens aus, er weiß, woher Informationen kommen könnten, und nutzt die ganze Vielfalt der diversen Möglichkeiten. Das erzählt er auch sehr spannend und unterhaltsam zum Miträtseln. Die Figuren wirken halbwegs authentisch, auch wenn der Autor eher an der Oberfläche bleibt. Ein psychologischer Krimi ist Wisting bestimmt nicht, aber hervorragende, spannende Unterhaltung zum Mitkombinieren.

Jørn Lier Horst. Wisting und der fensterlose Raum. München: Piper, 2020. | Original: Det innerste Rommet. Oslo: Capitana, 2018. Aus dem Norwegischen von Andreas Brunstermann. (William Wisting 8)

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar via NetGalleyDE!

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