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Anne Chaplet. Nichts als die Wahrheit – Stark & Bremer 3 (2000)

Ein Bundestagsabgeordneter stürzt sich in Frankfurt von einem Kirchturm – doch war es wirklich Selbstmord? Staatsanwältin Karen Stark kann sich nicht so recht durchringen, etwas anderes in Erwägung zu ziehen. Doch auch der Nachrückerin im Bundestag, Anne Burau, kommt so einiges merkwürdig vor im Berliner Parlament und der dortigen Presse.

In diesem dritten Band rund um das Duo Karen Stark und Paul Bremer geht es nach Berlin. Bremers Flamme Anne Burau rückt nach dem Selbstmord des Abgeordneten nach und macht sich erwartungsvoll auf den Weg nach Berlin. Sie will es noch einmal wissen, sich nach dem Mord ihres Mannes nicht mehr auf dem Dorf verkriechen – und außerdem ist da noch der Journalist Peter Zettel, den sie bei einer Wahlparty kennengelernt hatte. Leider mischen sich schon in die Abschiedsparty im Dorf an der Rhön neidische Töne.

Heldenverehrung

In Berlin ist auch nicht alles Gold. Abgesehen von den simplen Alltagsgeschäften des Parlamentarierdaseins, denen Anne Burau sich stellt, gehen die Überreste ihres Vorgängers ihr schon bald gewaltig auf die Nerven. Die Sekretärin hat aus dem Büro einen Schrein gemacht, im Bauausschuss, dessen Vorsitzender der Abgeordnete war, ist man eher orientierungslos ohne ihn. Als dann auch noch die Journalisten Jagd auf Anne Burau machen, von Journalist Zettel aber keine Spur zu sehen ist, reicht es ihr schon fast.

Amber

Auch in Zettels Redaktion, beim „Journal“ wird er vermisst. Da Zettel aber als Spezialist für alle Berliner Baustellen sowieso immer unterwegs ist, dauert es eine Weile, bevor man sich ernsthaft Sorgen macht. Die macht sich allerdings auch Anne und will bei Zettel nach dem Rechten sehen, doch sein Hund Amber ist offensichtlich schon seit Längerem allein zu Hause. Anne nimmt sich des Hundes an und der führt sie in Berlins Unterwelt …

Beweise

Sie entdeckt auch Hinweise, dass Zettel und ihr Vorgänger gemeinsame krumme Sache gemacht haben, wenn bei den Bauarbeiten Unliebsames aus der dunklen deutschen Vergangenheit aufgetaucht ist. Beweise hat sie allerdings nicht und behält es für sich. Beim „Journal“ sucht derweil Journalist Hansi Becker Beweise, dass Zettel der Urheber der Falschmeldung ist, die den Abgeordneten zu Fall brachte.

Bremer und Stark

Paul Bremer fährt unterdessen daheim an Rhön Fahrrad und fragt sich, ob er doch irgendetwas verpasst, wenn er bei seinem Aussteigerleben bleibt, und vermisst Anne. Staatsanwältin Karen Stark ist mehr mit einer neuen Inneneinrichtung beschäftigt als mit den Zweifeln ihres Kollegen an der Selbstmordtheorie. Erst als sie zu einer Tagung nach Berlin muss und dabei ihren alten Freund Sonnemann trifft, jetzt Chef beim „Journal“, wird der Fall für sie sehr akut.

Berliner Ränke

Wie immer bei Anne Chaplet Stark-und-Bremer-Serie könnte man diskutieren, ob es sich überhaupt um einen Krimi handelt. Zwar wird gemordet, es tauchen Tote auf und allerlei Arten von Verbrechen, aber eine typische Ermittlerfigur gibt es nicht. So auch in diesem Band: Anne Burau stöbert ein bisschen in den Amtsgeschäften ihres Vorgängers und sucht halbherzig nach Journalist Zettel, Kollege Becker sucht nach Beweisen für einen Betrug, ein amerikanischer Agent sucht nach einem Hehler von Militaria, vermutlich Zettel, und Staatsanwältin Karen Stark sucht nach Beweisen für oder gegen die Selbstmordtheorie. Dass sie dabei einen Moment lang auch Anne Burau verdächtigt, weil diese ja vom Tod des Abgeordneten profitiert, schlägt Paul Bremer gewaltig auf den Magen, der sich aber ansonsten aus allem heraushält. Denn das Verbrechen ist in diesem Band in Berlin zu Hause.

Dichtes Bild

Politische Ränke, Vorteilsnahme, journalistische Eitelkeiten, die Bautätigkeiten in Berlin und die umfangreichen Überreste der braunen Vergangenheit, die dabei zutage gefördert werden, mischen sich in diesem Roman zu einem dichten Bild. Viele Personen, Charaktere mit eigenen Tiefen und Motiven, tummeln sich auf diesem Berliner Schauplatz. Das ist vielleicht ein bisschen zu viel, etwas zu dick aufgetragen in mancherlei Hinsicht, aber gleichzeitig so gut und plausibel erzählt, dass das Lesen eine reine Freude ist! Und so viel mehr als „nur“ ein Krimi!

Der Krimi wurde beim Deutschen Krimi Preis 2001 mit dem 2. Platz bei den deutschen Krimis ausgezeichnet.

Anne Chaplet. Nichts als die Wahrheit. München: Kunstmann, 2000. München: Goldmann, 2002. E-Book: Hamburg: Edel Elements, 2015. (Stark & Bremer 3)

Mehr zur Autorin und ihren Büchern auf der Autorenseite Anne Chaplet.

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