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Maggie O’Farrell. Judith und Hamnet (2020)

Vielfach ausgezeichneter historischer Roman über Shakespeares Zwillinge. Hervorragend!

Dass Shakespeare drei Kinder hatte, Susanna, die Älteste, und Zwillinge mit den Namen Judith und Hamnet. ist belegt. Auch dass Hamnet mit elf Jahren starb. Um diese Fakten herum hat Maggie O’Farrell einen wunderbaren Roman geschrieben, sehr fantasievoll und atmosphärisch. Und mit Shakespeare als Randfigur. Doch, das geht sehr gut!

Die Ehefrau

Bereits in sehr jungen Jahren heiratet Shakespeare, der Sohn des Handschuhmachers, der in Stratford in Ungnade gefallen ist und seine Kindern tyrannisiert. Die Tochter eines Gutsbesitzers, bei dem Shakespeare die Söhne in Latein unterrichtet, erkennt, dass dieser Junge etwas Besonderes ist, und sorgt dafür, dass ihnen eine Heirat erlaubt wird.

Agnes ist ein paar Jahre älter als der Lateinlehrer, aber sie ist „sonderbar“, lieber im Wald und bei den Tieren als bei der üblichen Frauenarbeit der Zeit. Sie ist es aber auch, die merkt, dass ihr junger Ehemann in Stratford keine Chance hat, wo der Schatten des Vaters so übermächtig ist. Geschickt fädelt sie es ein, dass Shakespeare nach London gehen kann, wo er sich bald vom Handschuhgewerbes des Vaters freimacht und dem Theater zuwendet. Und auflebt.

Der Tod des Sohnes

In Stratford findet derweil der Alltag statt, der um den Tod Hamnets herum erzählt wird. Im Roman ist es die Pest, die auf abenteuerlichem Weg in den Ort gelangt und dort Judith befällt, die immer der kränklichere Zwilling war. Und doch ist es Hamnet, der sich an die Stelle seiner Zwillingsschwester begibt, er nimmt quasi den Tod an ihrer Stelle an. Die Trauer der Familie ist natürlich grenzenlos. Dass der große Autor seine Trauer im Drama Hamlet verarbeitet, dass sogar seine Frau sich auf den beschwerlichen Weg nach London macht und das Drama sieht, dass sie versteht, dass ein Shakespeare seine Trauer nur auf diese Weise ausdrücken kann … vermutlich reinste Fantasie, belegt ist davon sicher nichts. Und ein bisschen kitschig ist es dann leider doch.

Hinter jedem großen Mann … eben

Ansonsten aber konnte auch mich der Roman absolut packen. Autorin Maggie O’Farrell hat um die wenigen Fakten herum eine so wunderbare und detailreiche Geschichte gesponnen … vieles höchst plausibel aufgrund historischer Fakten zu den damaligen Lebenswelten, und anderes mit gerade dem Hauch von Magie, den man sich gerne als möglich vorstellen möchte. Und dass hier der große Shakespeare in eine Nebenrolle verbannt wird, dass die Hauptrolle seiner Frau vorbehalten ist, bietet einen hervorragenden Perspektivwechsel, der diesen Roman tatsächlich zu etwas ganz Besonderem macht.

Women’s Prize for Fiction 2020, National Book Critics Circle Award for Fiction (2020), Andrew Carnegie Medal Nominee for Fiction (2021), Walter Scott Prize Nominee for Historical Fiction Shortlist (2021), Goodreads Choice Award Nominee for Historical Fiction (2020), Waterstones Book of the Year (2020)

Maggie O’Farrell. Judith und Hamnet. München: Piper, 2020. | Hamnet. Tinder Press, 2020.

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