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Oliver Bottini. Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (2017)

Der Mord an der jungen Lisa Marthen in Rumänien scheint zunächst ein einfacher Fall von enttäuschter Liebe zu sein. Doch schnell stellt sich heraus, dass viel mehr dahintersteckt: Es geht um kostbares Agrarland, um Gier und Macht, die im Zweifelsfall auch über Leichen geht.

Rumänien 2014: Als die junge Lisa Marthen, Tochter des neuen deutschen Großgrundbesitzers, brutal ermordet wird, fällt der Verdacht als Erstes auf Adrian, einen jungen Landarbeiter, der in sie verliebt war und nach der Tat verschwunden ist. Mit den Ermittlungen wird Ioan Cozma beauftragt, ein Kommissar, der eigentlich nur noch auf seine Pensionierung wartet und keinesfalls einen Mordfall übernehmen will, der womöglich Aufsehen erregt. Doch auch in einem Rumänien nach Ceaușescu gibt es noch immer mächtige Männer, die wissen, an welcher Strippe sie ziehen können, um jemanden zu manipulieren.

Kampf um Agrarland

Bei Cozma allerdings sind sie an den Falschen geraten, denn schnell ist sein Misstrauen geweckt, warum ausgerechnet er diesen Fall übernehmen soll. Und das, obwohl sich mit Adrian der Täter eigentlich schon schon längst gefunden hat – doch das scheint wohl nur auf den ersten Blick so … Cozma ist trotz aller sonstigen Resignation nicht bereit, an Strippen zu tanzen und einen jungen Mann auszuliefern, der wohl doch nicht der Täter ist. Cozma und sein Kollege haben einen ganz anderen Verdacht: Ihrer Meinung nach geht es auch bei diesem Mord um etwas, worum sich im neuen Rumänien fast alles dreht, um Agrarland.

Großgrundbesitzer in Rumänien statt Bauer in Meck-Pom

Ausländische Investoren haben im großen Stil Land erworben, als es noch günstig war, inzwischen gibt es allerdings schon Kämpfe um besonders aussichtsreiche Flächen. Und Lisas Vater, Jörg Marthen, wollte keinesfalls verkaufen, an keinen der zahlreichen und zahlungskräftigen Inserenten. Er gehörte zu den Ersten im Land, wo er noch günstig kaufen konnte, was in seiner Heimat, in Mecklenburg-Vorpommern, längst nicht mehr möglich war. Dort war die Familie auch nach der Auflösung der LPG nach der Wende leer ausgegangen.

Verluste und Kampf

Zum Personal des Romans gehört noch Winter, Marthens Verwalter, der nach dem Unfalltod seiner Frau und der beiden kleinen Kinder, in die Arbeit und nach Rumänien geflüchtet ist. In Prenzlin, dem Heimatort, wartet Anett, Marthens Schwester, auf ihn. Die beiden verband eine intensive Liebe, die vor Jahren zerbrach. Anett kämpft in Deutschland gegen die Agrarindustrie, die auch dort immer mehr Flächen zerstört.

Auch Cozma muss im Laufe der Ermittlungen nach Deutschland reisen, denn es gibt Verbindungen, die jetzt auch dort zur Bedrohung werden … Spannung und Klasse!

Krimi mit Tiefgang und gesellschaftlicher Position

Wer einfach nur einen spannenden Krimi lesen will, ist mit diesem Roman vermutlich nicht so gut bedient. Oliver Botttini zeichnet ausführliche Charaktere mit individuellen Schicksalen, er bringt sorgfältig recherchierte Umwelt- und Agrarprobleme ins Spiel, mit denen die Großen das Geld machen, die sich aber massiv im Leben jedes Einzelnen auswirken. Das alles ergibt eine sehr komplexe Geschichte, Figuren mit Tiefe, eine Story, die auch um Gier, um Schuld und Menschlichkeit geht. Und sehr viel um Verluste und den Umgang mit ihnen.

Kein Wunder, dass dieser Krimi 2018 den Deutschen Krimipreis gewonnen hat. Eine absolut lohnende Lektüre für jeden, der auch bei einem Krimi gerne ein bisschen mehr Tiefgang hat!

Oliver Bottini. Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens. Köln: Dumont, 2017.

Deutscher Krimipreis 2018.

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