ausgezeichnet, Science Fiction, Thriller

Tom Hillenbrand. Hologrammatica (2018)

Galahad Singh, ein Privatdetektiv im London der 2080er-Jahre erhält den Auftrag, die verschwundene Progammiererin Juliette Perrotte zu finden. Bei der Suche folgt er spärlichen Spuren und findet viel heraus über die fortschrittliche Technik, die Künstliche Intelligenzen schafft und die Unsterblichkeit ermöglichen könnte.

Singh ist Quästor, verschwundene Personen sind sein Geschäft. Als die Anwältin Mumeishi auftaucht und ihn auf die Suche nach Juliette Perrotte schickt, ist das zunächst ein Fall wie viele andere. Perrotte arbeitete in Paris bei einer Firma namens Cryptocarbon, die Verschlüsselungen programmiert. Denn längst ist es möglich, das menschliche Gehirn künstlich nachzubauen und dieses viel effektivere „Cogit“ statt des eigenen fehlbaren Organs in seinen Kopf pflanzen zu lassen. Diese „Quants“ sind dann viel intelligenter und sie genießen weitere Vorteile: Denn jedes Cogit lässt sich auch in anderen, leeren Körpern (= „Gefäße“) hochladen, sodass diese Menschen mit einem anderen Körper leben können – allerdings nur für maximal 21 Tage. Danach crasht das künstliche Gehirn, wenn das Cogit nicht wieder im Stammkörper hochgeladen wird. Singh findet Hinweise, dass Perrotte daran gearbeitet hat, diese 21-Tage-Grenze zu umgehen, auszuweiten … Und das Interesse an der Lösung dieses kleinen Problems auf dem Weg zu Unsterblichkeit ist natürlich riesengroß.

Schöner Schein

Singh untersucht Perrottes Wohnung in Paris, geht zu einer Party, zu der eigentlich Perrotte eingeladen war, immer auf der Suche nach Hinweisen. Die sind allerdings nicht sehr zahlreich – aber dank der furios konstruierten zukünftigen technischen Finessen sehr spannend zu lesen. Da ist vor allem das Holonet, das problemlos überall auf der Welt als dreidimensionale Projektionen Fassaden verschönert, Werbung einblendet, überhaupt alles anders aussehen lassen kann, als es in der Realität der Fall wäre. Wer diese Holografien ausblenden will, braucht dazu spezielle Brillen, „Strippergoggles“, die stufenweise die Holografien reduzieren. Brillen, die das Naked Space sichtbar machen, sind allerdings extrem selten. Perrotte besaß eine.

Technische Spielereien

Der Suche Singhs nach seinen verschwundenen Personen zu folgen ist allein aufgrund dieser fantastischen Realität mit den vielen fantasievollen Details ein absolutes Lesevergnügen. Die Ermittlungen an sich erweisen sich dann auch noch als hochspannend: Singh reist nicht nur in verschiedene Städte und Länder, er lernt Menschen kennen – Schwammköpfe und Quants -, er verliebt sich sogar in einen Quant, den er zunächst als Frau kennenlernt, die/der sich aber Singhs sexueller Orientierung anpasst und sich in ein männliches Gefäß hochlädt … eine technische Entwicklung, die auch Singh noch überfordert.

Spannende Begegnungen

Im Laufe seiner Ermittlungen reist Singh um die ganze Welt, begegnet auch seinem toten Bruder, dem schwerreichen Vater, Quants, Deathern und Crashern, Hardlights, Programmierern und etlichen extrem gewalttätigen … ja, was eigentlich? Das ist dem Quästor lange Zeit selber nicht klar. Dass Perrotte entführt worden sein muss, ist für ihn dagegen ziemlich schnell sicher. Doch von wem? Geht es um Sabotage oder Spionage im Zusammenhang mit ihrem Beruf? Das vermutet jedenfalls ihr Chef, kurz bevor er …

Fantastisches Lesevergnügen

Nein, alles, was ich noch begeistert erzählen könnte, würde dem Leser dann ein wenig von der Spannung und der Freude an eigenen Entdeckungen nehmen. Dieser Kosmos der Hologrammatica ist einfach ein fantastisches Lesevergnügen voller technischer Spielereien und fantasievoller Weiterentwicklung unserer heutigen Realität. Auch wenn mich die Fortsetzung Qube noch atemloser in Spannung gehalten hat und die Welt der Hologrammatica mir damit nicht mehr ganz unbekannt war, habe ich jede einzelne Seite der 490 genossen. Abtauchen in die Zukunft, das geht hier ganz hervorragend!

Tom Hillenbrand. Hologrammatica. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018.

Mehr zum Autor, zum zweiten Teil und zu weiteren Titeln auf der Autorenseite Tom Hillenbrand.

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